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15 Jahre TuWaS! – Mehr Begeisterung an Schulen für Technik und Naturwissenschaften

Das an der Freien Universit?t initiierte Projekt ?Technik und Naturwissenschaften an Schulen“ (TuWaS!) zeigt, was m?glich ist, wenn es Raum gibt, um Ideen zu entwickeln, auszutauschen und grenzübergreifend voranzutreiben

13.06.2022

Spannung liegt in der Luft, wenn im Unterricht die TuWaS!-Kisten ausgepackt werden. Im B?rsensaal der IHK K?ln erkl?rten Schülerinnen und Schüler Experimentiereinheiten wie ?Elektrische Stromkreise“ …

Spannung liegt in der Luft, wenn im Unterricht die TuWaS!-Kisten ausgepackt werden. Im B?rsensaal der IHK K?ln erkl?rten Schülerinnen und Schüler Experimentiereinheiten wie ?Elektrische Stromkreise“ …
Bildquelle: Bozica Babic | fraubabic.de

?Wir brauchen Vorbilder, die ihr Wissen teilen und andere Menschen dafür begeistern“, sagt Petra Skiebe-Corrette. ?Und wir brauchen Influencer, die gute Ideen in der Gesellschaft vorantreiben.“ Die Biologieprofessorin hat TuWaS! im Jahr 2007 an der Freien Universit?t initiiert. Eines ihrer Vorbilder und gewisserma?en ein Influencer seiner Zeit war Georges Charpak.

1924 in der heutigen Ukraine geboren, emigriert Charpak als Schulkind mit seiner jüdisch-polnischen Familie nach Frankreich. Im Zweiten Weltkrieg wird er Mitglied der Résistance, er wird ins KZ Dachau verschleppt und überlebt dort. Georges Charpak wird nach dem Krieg franz?sischer Staatsbürger, er wird Wissenschaftler und geht ganz in der Forschung auf. 1992, fast 50 Jahre nach seiner Deportation, erh?lt Charpak den Physik-Nobelpreis. Er will der Gesellschaft, die ihn und seine Familie aufgenommen hat, etwas zurückgeben. So initiiert der Physiker 1995 ?La Main à la P?te“ – ?die Hand am Teig“ – mit dem Ziel, in der Bev?lkerung die Neugier für die Naturwissenschaften zu wecken. Die Initiative ist heute in ganz Frankreich verankert.
… oder ?Chemische Tests“. Seit Beginn des Projektes vor 15 Jahren haben in den Schulen in Berlin, Brandenburg und im Rheinland inzwischen Hunderttausende Grundschulkinder Ph?nomene aus Naturwissenschaften und Technik entdeckt.

… oder ?Chemische Tests“. Seit Beginn des Projektes vor 15 Jahren haben in den Schulen in Berlin, Brandenburg und im Rheinland inzwischen Hunderttausende Grundschulkinder Ph?nomene aus Naturwissenschaften und Technik entdeckt.
Bildquelle: Bozica Babic | fraubabic.de

Charpaks Lebensgeschichte hat Petra Skiebe-Corrette nachhaltig beeindruckt. ?Sie zeigt, wie wichtig es ist, dass Wissenschaftler*innen sich auch gesellschaftlich engagieren“, sagt sie, ?und dass es uns allen zugutekommt, wenn wir anderen von Anfang an Chancen er?ffnen.“

1992, im Jahr jener Nobelpreisverleihung schlie?t Petra Skiebe-Corrette nach einem Lehramtsstudium ihre Promotion in der Neurobiologie ab. Sie brennt für die Wissenschaft und dafür, wie man sie vermittelt. Anfang der 2000er Jahre begegnet sie als habilitierte Naturwissenschaftlerin einer weiteren ?Influencerin“. Mit der Schwedin Kerstin Reimstad lernt die Biologin Science and Technology for All kennen – und erlebt, wie naturwissenschaftliches Arbeiten in Schulen begeistern kann. ?Die Kinder haben mich mit ihrer Begeisterung beeindruckt“, sagt Petra Skiebe-Corrette, ?so etwas musste es auch in Deutschland geben.“

An der Freien Universit?t leitet sie von 2004 an das Mitmach- und Experimentierlabor ?NatLab“ für Schülerinnen und Schüler von der 5. Klasse an. Wie aber k?nnte man noch früher ansetzen? Wie sollten Angebote an Grundschulen aussehen? Die EU-Projekte ?SciencEduc“ und ?Pollen“ gehen genau diesen Fragen nach. Petra Skiebe-Corrette wird deren Repr?sentantin in Deutschland, sieht sich weltweit Initiativen an und lernt am Smithsonian Science Education Center in Washington DC, wie Schulprojekte gestartet und ausgebaut werden k?nnen – von der Materialentwicklung und Logistik bis zur Fortbildung von Lehrkr?ften.

Zahlen, Daten, Fakten nach 15 Jahren TuWaS!

2007 ist es so weit: Die Freie Universit?t und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gründen das Projekt TuWaS!. Es beginnt mit zwei Experimentiereinheiten für die Klassen 1 bis 6 samt passenden Schulungen für Lehrkr?fte. Die Materialien werden nach US-amerikanischem Vorbild für zehn Grundschulen in Berlin angepasst und sind so aufbereitet, dass sich die Lehrkr?fte ganz auf die Interaktion mit den Kindern konzentrieren k?nnen.

Inzwischen findet das sogenannte forschende Lernen an 174 Grundschulen der Hauptstadt statt, deutschlandweit es gibt TuWaS! bald an 400 Schulen. Für einen lebendigen Nawi- und Sachkundeunterricht stehen 15 Experimentiereinheiten zur Verfügung. Beliebtestes Thema: der Lebenszyklus eines Schmetterlings. Aber auch technische Themen wie Stromkreise und Mobilit?t kommen gut an.

?Dass wir jetzt mehr als 30-mal so viele Schulen betreuen k?nnen, funktioniert, weil wir Arbeitsprozesse automatisiert und digitalisiert haben“, sagt Koordinatorin Nicola Stollhoff, die TuWaS! Berlin mit zwei weiteren Kolleginnen auf 1,5 Stellen und einem Kollegen in der Materialverwaltung stemmt und w?hrend der Pandemie fast das ganze Fortbildungsangebot zus?tzlich für die Online-Nutzung umgestellt hat. ?Zum Glück profitieren wir von der Infrastruktur der Freien Universit?t“, sagt Petra Skiebe-Corrette. In der Kelchstra?e in Steglitz befinden sich nicht nur die Büros, sondern auch das 500 Quadratmeter gro?e Materiallager.

Beim Netzwerktreffen in K?ln wurde der Kooperationsvertrag um weitere vier Jahre verl?ngert: Daniela Perner (IHK mittlerer Niederrhein), Petra Skiebe-Corrette (Freie Universit?t), Christopher Meier und Tina Gerfer (IHK K?ln, v.l.n.r.).

Beim Netzwerktreffen in K?ln wurde der Kooperationsvertrag um weitere vier Jahre verl?ngert: Daniela Perner (IHK mittlerer Niederrhein), Petra Skiebe-Corrette (Freie Universit?t), Christopher Meier und Tina Gerfer (IHK K?ln, v.l.n.r.).
Bildquelle: Bozica Babic | fraubabic.de

Kooperation von Wissenschaft, Wirtschaft und Schule

Zweitgr??te Projektregion mit 166 Schulen ist das Rheinland. Hier ging die Initiative von Unternehmen aus, um dem Fachkr?ftemangel in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen entgegenzuwirken. ?ber das EU-Projekt Pollen entdeckte man TuWaS!. Dass es seit 2008 aus ?berzeugung und mit Erfolg umgesetzt wird, zeigte das Netzwerktreffen der regionalen Industrie- und Handelskammern.

?TuWaS! ist ein Qualit?tsprodukt, von dem alle profitieren“, sagt Boris Preuss, der bei der Bezirksregierung K?ln die Abteilung Schule leitet. Es gelinge an jeder Schule, wenn es vom Kollegium getragen werde, konzeptionell gut verankert sei und die Lehrkr?fte Zutrauen in den Wissensdurst ihrer Schulklassen zeigten, so der frühere Grundschullehrer und bekennende TuWaS!-Fan. ?Wir brauchen kluge K?pfe, die neue Wege finden. Lernen darf und muss Spa? machen.“

Petra Skiebe-Corrette (2.v.l.) und Nicola Stollhoff (3.v.l.) aus Berlin mit Iris Wirths, Sylvia Hüls und Tina Riepel (ehem. Koordinatorinnen), Cristina Schulte aus K?ln.

Petra Skiebe-Corrette (2.v.l.) und Nicola Stollhoff (3.v.l.) aus Berlin mit Iris Wirths, Sylvia Hüls und Tina Riepel (ehem. Koordinatorinnen), Cristina Schulte aus K?ln.
Bildquelle: Bozica Babic | fraubabic.de

Genau das unterstützen bei TuWaS! Rheinland rund 70 Unternehmen, Stiftungen und Vereine. Seit 2021 beteiligt sich neben den IHK K?ln und Bonn-Rhein-Sieg auch die IHK Mittlerer Niederrhein. Pro Jahr k?nnen 600 Lehrkr?fte geschult werden und rund 24.000 Schülerinnen das sogenannte forschende Lernen erproben. ?Ich h?tte mich gefreut, wenn ich das als Schüler auch erlebt h?tte“, sagte Christopher Meier, Gesch?ftsführer Aus- und Weiterbildung bei der IHK K?ln.

Die Schulkinder der ersten TuWaS!-Jahrg?nge sind l?ngst erwachsen. Zu den Lebensl?ufen wird keine Datenbank geführt, aber hin und wieder erfahren die Koordinatorinnen, dass frühere Teilnehmende ihr in der Grundschule entdecktes Interesse weiterverfolgt haben und den Weg in die Naturwissenschaften oder in technische Berufe gew?hlt haben.

Ob es TuWaS!, ?hnlich wie in Frankreich, auch einmal bundesweit geben wird? ?Wir sollten keine Angst haben, gro? zu denken“, sagt Petra Skiebe-Corrette. ?Das h?ngt natürlich vom Engagement der Koordinatoren und Kooperationspartner in den jeweiligen Regionen ab – und von der Finanzierung.“

In Berlin werde das Projekt inzwischen vom Senat getragen und sei damit auch an dessen Haushalt gebunden. ?Mit einer Verstetigung k?nnten wir nicht nur wie jetzt die Umsetzung bew?ltigen, sondern ganz anders in Richtung Zukunft planen und arbeiten“, sagt Petra Skiebe-Corrette. Ihr Wunsch für die kommenden 15 Jahre: ?Immer genügend Menschen mit Durchhalteverm?gen und begeisterte Influencer. Der Einsatz wird sich für uns alle lohnen.“